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onsdag, 21. oktober 2015
marathonnachlese

Nun ist er schon fast einen Monat her, mein zweiter Marathon. Und ich kann immer noch nicht ganz fassen, wie gut es gelaufen ist. Bei der Startunterlagenausgabe konnte ich den netten Herrn überzeugen, mich in einen besseren Startblock zu stecken, sodass ich nicht im H-Block starten musste.

Diesmal lief die Vorbereitung sensationell. Beim letzten Vorbereitungs-HM konnte ich meine PB noch einmal verbessern, lag voll im Trainingsplan für 03:45:00 und habe mich nicht ganz so irre gemacht wie noch letztes Jahr.
Zwar habe ich mich bei einem der langen Läufe verlaufen, sodass ich drei Kilometer länger unterwegs war, was meinem Knie nicht so ganz gefallen hat. Da es dicker war als sonst, riet mir eine Freundin, sicherheitshalber einen Orthopäden aufzusuchen, was ich auch tat - und ich bin immer noch dankbar für den Schubser, denn dieser Orthopäde ist sensationell. Man sitzt vielleicht fünf Minuten im Wartezimmer, drei im Behandlungszimmer und dann steht man mit einem Rezept für Physiotherapie vor der Praxis.
Auch mit meinem Physio hatte ich großes Glück. Es war nichts weiter Schlimmes an meinem Knie auszusetzen, die Bänder einfach etwas zu fest. Er hat meine Beine gelockert - und so konnte ich diesmal gänzlich ungetapet laufen, was für ein Segen.
Die Aufregung war diesmal irgendwie extremer. Ich war am Freitag und Samstag praktisch zu nix zu gebrauchen, weil sich in meinem Kopf Sorgen drehten. Würde ich es wirklich in 3:45 schaffen? Übernahm ich mich? Würde es genauso schön werden wie letztes Jahr? Fast ohne privaten Support an der Strecke?

Und es wurde sensationell. Leider begegnete ich zwar noch vor dem Start dem einen Menschen, dem ich absolut nicht begegnen wollte, aber auch das konnte das Erlebnis nicht trüben.
Frieren bis zum ersten Startschuss, wieder gelbe Ballons, die in die Luft steigen, die Frage, ob ich doch noch einmal zur Sicherheit zu einem der Dixiklos abbiege. So schrecklich nervös wie 2015 war ich diesmal nicht so unmittelbar vorm Start. Aber als ich dann über die Startlinie lief, wurde mir klar, dass ich doch mal besser noch aufs Klo gegangen wäre. Mein Fuelbelt drückte sofort auf die Blase, die eine gewisse Fülle meldete. So verbrachte ich die ersten zehn Kilometer damit, mir zu überlegen, ob ich wieder zwei Minuten opfern wollte, um an einem Dixiklo an der Strecke anzustehen - oder ob ich mich in einen der Büsche am Wegesrand schlagen sollte. Und wie immer staunte ich über die Frauen, die einfach blank zogen, sich aufs Grün hockten und drauflospullerten.
Dann tauchte plötzlich eine Freundin neben mir auf, die sich eigentlich als Zuschauerin bei Km 19 angemeldet hatte. Sie begleitete mich einen halben Kilometer, sagte, ich läge super in der Zeit, sie habe mich über die App verfolgt und ich sehe auch so tippitoppi aus, weiter so. Eine so schöne Überraschung, kurz auf der Strecke von einem bekannten Gesicht begleitet zu werden.
Die nächsten bekannten Gesichter warteten bei Km 21, fanden mich sofort, jubelten, und ich strahlte, es ging gar nicht anders. Weil sie sich so freuten, weil auch sie wussten, wie gut ich in der Zeit lag.
Diesmal kam so bei km 26 ein kleines Tief. So richtig erklären kann ich das nicht. Sofort die Frage, ob ich doch zu schnell gelaufen war, mich übernommen hatte? Wie irre kann man sein, einen Marathon mit 5:20er pace rennen zu wollen? In meinem Alter? Mit gerade mal anderthalb Jahren Lauferfahrung. Aber dann dachte ich an besagte Freundin, die mich bei Km 10 begleitet hatte, dachte daran, dass sie mich via App verfolgte und sich darüber freute, dass ich mein Tempo hielt. Erinnerte mich an meine zwei Freundinnen bei km 21, die mir zuriefen, auch am Brandenburger Tor noch einmal zu stehen - erinnerte mich an ihre Anfeuerungspuschel. Und dann rief mir eine wildfremde Frau vom Straßenrand zu: "Du siehst super aus!" Ich glaube, ich habe von Ohr zu Ohr gestrahlt. Wahrscheinlich weiß sie nicht, wie wichtig genau diese Worte in genau diesem Moment für mich gewesen sind. Ich warf ihr eine Kusshand zu und legte den Turbo ein. Von da an lief ich wie ein Uhrwerk. Oder wie ein VW Käfer, wie eine Freundin danach so nett meinte. Als ich das nächste Mal auf meine Laufuhr schaute, war ich bei Km 37! 37!! Schon fast da. Kurz überschlagen, wie lange ich dann noch unterwegs sein würde und das fette Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen. Meine Zielzeit war in Greifnähe, ich lag supergut in der Zeit, und ich fühlte mich genial. Frisch, schmerzfrei und glücklich.
Und so lief ich an meinen jubelnden Freundinnen am Brandenburger Tor vorbei, die zu diesem Zeitpunkt auch schon wussten, dass ich sogar noch schneller sein würde. Ich rannte die letzten beiden Kilometer in einer Pace von 5:00 - und es war so leicht. Ich wollte selbst hinter dem Ziel nicht langsamer werden, wäre am liebsten noch weitergelaufen. Die anderen gingen mir viel zu langsam.
Was ein Glück! Was ein Glück dieses Laufen ist! Ich war bei diesem Marathon über eine Stunde schneller als im Vorjahr. Und ich hatte nichts. Keine Schmerzen, kein K.O.-Gefühl, keine Bauchkrämpfe, keine Atemnot. Nix. Pures Glück! Und eingehalten bis zum Zielbereich hatte ich außerdem.
Schnell umgezogen und zum Familientreffpunkt, meine Freundinnen finden, die sich so sehr freuten wie ich mich. Wir setzten uns in die Sonne und strahlten um die Wette. Und dann ging's nach Hause. Ich kam die Treppen 1a hoch - und auch 1a wieder runter, machte schnell eine Hunderunde, bevor ich mich unter die Dusche stellte. Und es nicht fassen konnte. Wieder ein halbes Jahr Vorbereitung vorbei, wieder ein Marathon vorbei, und dann so sensationell schnell gelaufen. Ich bin im vorderen Fünftel meiner Altersklasse, was für mich vor noch einem Jahr völlig unvorstellbar gewesen ist.
Genauso wie der Trainingsplan, den ich mir für den nächsten Marathon herausgesucht habe. Diesmal bin ich für einen Frühjahrsmarathon angemeldet, fliege noch auf dem High dieses Erlebnisses - und genieße mein Leben.
Im Urlaub habe ich Matthias Polityckis 42,195 gelesen - und kann es nur wärmstens empfehlen. Ein wirklich schön geschriebenes Buch über das Laufen, immer schön mit Augenzwinkern und voller Selbstironie und kleinen Anekdoten von den Marathons dieser Welt. Wunderbar. Wenn mich nicht schon das Lauffieber gepackt hätte, dann spätestens nach der Lektüre.

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Last modified: 2018-01-16 19:31
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